“22 Bahnen” in Lindow: “Das ist hier kein Wunschkonzert!”
Für Caroline Wahl war der Roman “22 Bahnen” im Jahr 2023 der Durchbruch. Der darauf basierende Spielfilm aus dem Jahr 2025 wurde nun in Lindow in der Alten Schule gezeigt. Die Gelegenheit nahmen viele Menschen wahr. Die Stimmung war beklemmend. Das dürfte niemanden überrascht haben, der den Roman kennt. Die Filmfassung kommt dem Druckwerk sehr nahe – vor allem in seinen Schwächen.
An einer Stelle wurde mal kurz gelacht. “Ihr tut so, als wenn ich Alkoholikerin wäre.” Wo die Suchtforschung die Alkoholabhängige mit Bildunghintergrund einstufen würde, bleibt offen. Die Töchter erleben Alkoholismus pur. Für die Suchtentwicklung im konkreten Fall interessiert sich “22 Bahnen” nicht. Aber für den beklemmenden Alltag. Tilda, begabte Mathematikstudentin, jobbt nebenbei in einem Supermarkt an der Kasse. Außerdem kümmert sie sich um ihre zehnjährige Schwester Ida. Caroline Wahl legt Wert darauf, dass man die Story nicht für ihre Geschichte hält. Alles nur gehört. Ihre Geschichte hat vielleicht mit Gefallsucht zu tun.
Zur Eröffnung Flammen in der Küche, verursacht von der Mutter. Zum Ausklang von Ida grünes Licht für Tilda, zwecks Promotion nach Berlin zu ziehen. Die Mutter hatte gelobt, sich zu kümmern. Überhaupt werde sie ihr Problem nun bewältigen. Klar. Über die Schicksalsgemeinschaft sagt sie: “Das ist hier kein Wunschkonzert.” Über ihren Weg in die Sucht erfährt man nichts, über Versuche, der Macht der Droge Alkohol zu widerstehen, erfährt man fast nichts. Entzug wird auch nicht gezeigt, nur kurz angesprochen. Eine Fachärztin empfiehlt eine klinische Therapie. Die Töchter auch. Vergebens.
Die Zuschauenden sitzen ganz nah am Geschehen. Großaufnahmen dominieren. Für’s Filmteam ist bewusst nicht aufgeräumt worden. Im Gegenteil. Das können Buchseiten so nicht bieten. Alles Vertraute bedrückt zugleich. Aber so ist die Dramaturgie angelegt. “22 Bahnen” heißen Buch und Film, weil sich Tilda dieses Pensum im Schwimmbad auferlegt. Leistung, Regelmäßigkeit – der Rest zum Verrücktwerden.

Mit Tilda geht’s in die Welt ihrer früheren Clique. Eine Freundin appelliert, aus dem Gefängnis auszubrechen. Bisschen Hochschule wird auch geboten. Lösungssuche auch dort. Dann das schwere Schicksal einer russischen Familie. Verwicklungen der Handlung. Tildas Stimme im Off. Gedankengänge. Spaziergänge. Enge. Zwischendurch bisschen flotte Musik und manchmal prasselnder Regen. Extremwetterlage.

Zoe Baier, Luna Wedler und Laura Tonke, nach Rollenalter gestaffelt, spielen so glaubwürdig, dass man vergessen könnte, dass sie spielen. An der Kasse bei Tilda wird’s manchmal richtig komisch. Eine Art Typenlehre. Im Bad wird Strecke gemacht und getaucht. Im Studium bleibt Tilda vorne dran und glänzt. Ob Ida “Mein schönstes Ferienerlebnis” im Fach Deutsch aufschreiben muss? Die Mutter hatte gar nicht gemerkt, dass schon Ferien waren. Sie liest viel. Klar: Buchhändlerin. Eigentlich. “Familienkrankheit Alkoholismus” von Ursula Lambrou gehört wohl nicht zum Gelesenen. Aber ob das etwas geändert hätte an “22 Bahnen”, an dieser Kurzgeschichte im Romanformat oder dem 92 Minuten währenden Spielfilm? Dass sich Tilda mit Wahrscheinlichkeitsrechnung befasst, gehört auch zu den Kapriolen, von wegen Gelöbnishalbwertzeit und die Formel der Rückfallwahrscheinlichkeit. Das wäre dann schon die Habilitation. Und Ida?
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Fotos: Alle Darstellungen abfotografiert aus dem laufenden Film in Linum.