
Auf der Walz: Zimmermann Moritz und die Reise seines Lebens
Seit Jahrhunderten ziehen Handwerker auf die Walz – einer von ihnen ist Moritz. Der Zimmerer hat sich auf den Weg gemacht, die Welt mit anderen Augen zu sehen und ist dabei auch durch Ostprignitz-Ruppin gereist. Eine Begegnung im Wittstocker Rathaus.
Die Walz ist ein jahrhundertealtes Ritual für Handwerker, das Abenteuer, Lernen und Tradition miteinander verbindet. Wer auf Wanderschaft geht, verlässt seine gewohnte Umgebung, um die Welt zu entdecken, neue Fähigkeiten zu erlernen und sich persönlich weiterzuentwickeln. In Zeiten von Smartphones, Navigations-Apps und Social Media wirkt diese Art zu reisen fast wie aus einer anderen Zeit – und doch ist sie lebendiger denn je.
Auch Moritz hat sich für diesen besonderen Weg entschieden, obwohl er mit 31 Jahren zu den älteren Wandergesellen gehört. Die meisten brechen mit Anfang 20 auf, direkt nach der Lehre. Moritz hingegen hat sich Zeit gelassen. Seine Entscheidung, jetzt loszuziehen, kam spät, aber genau zur richtigen Zeit, wie er kürzlich auf einer seiner zahlreichen Zwischenstationen berichtete: beim Besuch im Wittstocker Rathaus bei Bürgermeister Philipp Wacker.
Eine Idee, die lange gereift ist
Der Gedanke, auf die Walz zu gehen, kam Moritz nicht plötzlich. Schon vor acht Jahren, als er seine Zimmererlehre abgeschlossen hatte, spielte er mit dem Gedanken, auf Wanderschaft zu gehen. „Ich hatte immer Lust, herumzukommen, neue Menschen kennenzulernen und einfach mal aus meiner Blase rauszukommen“, erzählt er. Was ihn besonders reizte: die Möglichkeit, die eigene Perspektive zu erweitern. „Man merkt oft gar nicht, wie eingeschränkt der eigene Blick auf die Welt ist, wenn man sich immer nur im selben Umfeld bewegt“, sagt Moritz.
„Ich war beeindruckt von der Wittstocker Stadtmauer und der historischen Altstadt.“
Die Walz erschien ihm als eine einmalige Gelegenheit, neue Kulturen und Denkweisen kennenzulernen – ohne festen Wohnsitz, ohne Plan B, aber mit jeder Menge Offenheit und Abenteuerlust. Doch bevor er sich auf den Weg machte, kam erst einmal das Leben dazwischen. Statt direkt loszuziehen, entschied sich Moritz, zu studieren. Das Studium war eine spannende Zeit, aber die Idee von der Walz ließ ihn nie los. Erst nach seinem Abschluss war der richtige Moment gekommen: „Plötzlich hat alles gepasst – also bin ich los.“
Handwerk als Familientradition
Moritz stammt aus einer echten Handwerkerfamilie. Sein Urgroßvater, sein Großvater und sein Vater waren Schreiner – das Handwerk liegt ihm im Blut. Doch während viele in seiner Familie ihren Beruf vor allem an einem festen Ort ausgeübt haben, wollte Moritz die Welt als Handwerker entdecken. Auf der Walz kann er in ganz unterschiedlichen Betrieben arbeiten und dabei sehen, wie sein Handwerk in verschiedenen Regionen und Kulturen praktiziert wird. Er lernt neue Techniken, trifft andere Handwerker und erweitert sein Wissen – nicht nur über das Handwerk, sondern auch über sich selbst.
Wie wird man Wandergeselle?
Auf Wanderschaft zu gehen, ist nicht ganz so einfach wie einen Rucksack zu packen und loszuziehen. Es gibt feste Regeln und Traditionen, die eingehalten werden müssen. Ein wichtiger Schritt: Man muss eine Person finden, die bereits auf der Walz ist. Das bedeutet, dass man aktiv suchen und sich herumfragen muss. „Man muss die Augen offen halten, Kontakte knüpfen und sich mit anderen Handwerkern austauschen“, erklärt Moritz.
„Es ist unglaublich, wie offen und freundlich die Menschen sind.“
Erst wenn ein erfahrener Wandergeselle bereit ist, einen aufzunehmen, kann man offiziell losziehen. Traditionell schließen sich viele Wandergesellen einem sogenannten „Schacht“ an – einer Art Bruderschaft mit festen Strukturen und Regeln. Moritz hat sich jedoch entschieden, unabhängig zu reisen. Er gehört keinem Schacht an und organisiert sich selbst. Das gibt ihm noch mehr Freiheit, bedeutet aber auch mehr Eigenverantwortung.
Eine Reise voller Begegnungen
Eines der eindrucksvollsten Erlebnisse auf der Walz ist für Moritz die große Hilfsbereitschaft der Menschen. Denn es gibt eine klare Regel: Wandergesellen dürfen kein Geld für Unterkunft oder Transport ausgeben. Sie sind darauf angewiesen, dass ihnen geholfen wird – und genau das passiert. „Es ist unglaublich, wie offen und freundlich die Menschen sind“, erzählt Moritz. Besonders eine Begegnung ist ihm in Erinnerung geblieben: Ein Mann nahm ihn mit nach Wittstock und spendierte ihm dort spontan eine Hotelübernachtung.

„Solche Momente zeigen mir, wie viel Vertrauen und Großzügigkeit es noch gibt“, sagt Moritz. Auch sonst ist das Reisen voller spannender Begegnungen. Oft wird er von Fremden angesprochen, die neugierig auf die traditionelle Kleidung der Wandergesellen sind. Dabei kommt er immer wieder mit Menschen ins Gespräch, die ihm ihre Geschichten erzählen – und ihm für eine Nacht ein Bett oder eine Mitfahrgelegenheit anbieten.
Sein letzter Halt war Ende Februar Wittstock. Der Schreiner empfand die Stadt im Norden Ostprignitz-Ruppins als äußerst charmant. „Ich war wirklich beeindruckt von der alten Stadtmauer und der historischen Altstadt“, sagt Moritz. Für ihn sind solche Orte besonders spannend, denn als Handwerker interessiert er sich für alte Bauwerke und traditionelle Handwerkskunst. In Wittstock gab es einiges zu entdecken – aber lange konnte Moritz nicht bleiben. Seine Reise ging direkt weiter.
Die Herausforderung, ohne Handy unterwegs zu sein
Ein wichtiges Ziel seiner Reise lag zu diesem Zeitpunkt noch vor ihm: ein Treffen mit anderen Wandergesellen auf Rügen. Doch anders als die meisten Reisenden heute kann Moritz nicht einfach eine Nachricht schicken oder seine Ankunft kurzfristig ändern. Ohne Handy bedeutet die Walz, sich auf feste Absprachen zu verlassen.
„Es ist eine ganz eigene Art zu reisen“, sagt Moritz. „Man muss pünktlich sein, sich auf Zusagen verlassen und kann nicht mal eben googeln, wo die nächste Übernachtungsmöglichkeit ist.“ Gleichzeitig sieht er das als eine große Freiheit: „Es fühlt sich ein bisschen an wie eine Zeitreise – man lebt bewusster und ist nicht ständig von digitalen Ablenkungen umgeben.“
Arbeiten auf der Walz
Viele denken, dass nur Zimmerleute auf die Walz gehen dürfen, doch das ist ein Irrtum. Tatsächlich kann jeder mit einem Gesellenbrief losziehen. „Ich kenne sogar eine Fahrradmechatronikerin, die auf Wanderschaft ist“, erzählt Moritz. Die Arbeitsmöglichkeiten sind vielfältig. Manche Wandergesellen finden Jobs eher zufällig, andere nutzen Netzwerke, um spannende Projekte zu entdecken. Moritz hat sich vorgenommen, gezielt nach Betrieben zu suchen, die ihn interessieren – er möchte nicht nur arbeiten, sondern dabei auch möglichst viel lernen.
Eine Tradition mit Zukunft
Aktuell sind etwa 500 Menschen im deutschsprachigen Raum auf der Walz. Doch es geht dabei um mehr als nur das Handwerk. Die Wandergesellen stehen für Werte wie Gemeinschaft, Respekt und Offenheit. „Es wird darauf geachtet, dass nur Menschen unterwegs sind, die unsere Weltoffenheit teilen“, betont Moritz. Die Walz ist eine Tradition, die sich mit der Zeit verändert. Während sich Wandergesellen früher oft nur über Mundpropaganda organisierten, gibt es heute Netzwerke und moderne Strukturen, die den Austausch erleichtern. Trotzdem bleibt der Kern der Wanderschaft erhalten: das Lernen durch Erfahrung, das Reisen mit wenig Besitz und das tiefe Vertrauen in die Hilfsbereitschaft der Menschen.